In Winterhude steht ein Straßenname inzwischen für zwei Persönlichkeiten: Die Forsmannstraße erinnerte seit ihrer Benennung im Jahr 1907 an den Architekten Franz Gustav-Joachim Forsmann. Seit Mai 2025 ist sie offiziell auch seiner Mutter gewidmet – der Künstlerin und Feinmechanikerin Margaretha Forsmann. Damit wird sichtbar, was lange im Hintergrund blieb: Hinter einem bekannten Namen steht oft mehr als nur eine einzelne Biografie.
Der Hamburger Senat beschloss am 24. April 2025, die Widmung zu erweitern. Die Straße ist damit nicht umbenannt worden, sondern inhaltlich ergänzt. Neben dem Architekten Franz Gustav-Joachim Forsmann, der von 1795 bis 1878 lebte und als Stadtbaumeister das Hamburger Stadtbild prägte, wird nun auch seine Mutter Margaretha Forsmann, geboren Meyer, gewürdigt. Sie wurde 1753 in Rendsburg geboren und starb 1836 in Hamburg.
Margaretha Forsmann war eine bemerkenswert vielseitige Persönlichkeit. Ihre Ausbildung erhielt sie bei ihrem Onkel, dem Medailleur Simon Peter Meyer, in dessen Werkstatt sie später auch arbeitete. Nach seinem Tod führte sie seine Tätigkeiten eigenständig fort und war unter anderem an mechanischen Instrumenten beteiligt, etwa im Planetarium. Darüber hinaus fertigte sie feinmechanische Arbeiten an Mikroskopen und Elektrisiermaschinen und schuf kunstvolle Elfenbeinschnitzereien wie Becher, Blumensträuße und Bildnisse. Ihr Werk verbindet handwerkliche Präzision mit künstlerischem Ausdruck – eine Kombination, die für ihre Zeit außergewöhnlich war.
Ihr Sohn Franz Gustav-Joachim Forsmann ging einen anderen, aber ebenso prägenden Weg. Nach ersten Tätigkeiten als Kupferstecher und einer Ausbildung als Hauszimmerer studierte er an der Akademie der bildenden Künste in München und bildete sich auf Reisen durch Europa architektonisch weiter. In Hamburg wurde er zu einer zentralen Figur der Baudeputation und wirkte unter anderem an bedeutenden öffentlichen Bauten wie der Börse und dem Johanneum mit. Auch repräsentative Gebäude prägen bis heute sein Werk, darunter das Jenisch-Haus sowie die bekannten Geschäftshäuser für Gottlieb Jenisch und für Heine am Jungfernstieg. Neben diesen prominenten Bauten entwarf er zahlreiche Wohnhäuser für angesehene Hamburger Kaufleute, Bürgermeister und Senatoren.
Die Erweiterung der Widmung steht zugleich im größeren Kontext einer sich wandelnden Erinnerungskultur. Die Historikerin Rita Bake weist seit vielen Jahren darauf hin, dass Straßennamen ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse sind. In Hamburg zeigt sich dabei ein deutliches Ungleichgewicht: Noch immer ist der überwiegende Teil der nach Personen benannten Straßen Männern gewidmet, während Frauen deutlich seltener sichtbar sind. Die Mitbenennung der Forsmannstraße ist vor diesem Hintergrund ein bewusst gesetztes Zeichen, historische Leistungen von Frauen stärker in das öffentliche Gedächtnis einzubeziehen.
Die Einweihung des Zusatzschildes fand im März 2026 im Zusammenhang mit dem Internationalen Weltfrauentag statt. Bezirksamtsleiterin Bettina Schomburg brachte die Entscheidung dabei auf den Punkt: „In Hinblick auf den Weltfrauentag am 8. März haben wir Margaretha Forsmann in unser Straßenbild geholt und die Mitbenennung vollzogen.“
Die Forsmannstraße steht damit exemplarisch für einen neuen Umgang mit Geschichte im Stadtraum. Nicht das Ersetzen, sondern das Ergänzen rückt in den Mittelpunkt. Eine Straße, die lange nur an einen bekannten Architekten erinnerte, erzählt nun auch die Geschichte einer Frau, deren künstlerisches und technisches Können ihren eigenen Platz in der Stadtgeschichte verdient.
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