Unser ehemaliger Vorsitzender Dr. Andreas Ruppert ist tot. Andreas hatte vom 16.2.1972 bis zum 13.5.1974 der Vorsitz inne. Unser Genosse Matthias Woisin erinnert an den Sozialdemokraten mit einer Trauerrede, die er am 4. April 2025 hielt.
Liebe Wilma, liebe Trauergäste,
Andreas Ruppert war – neben vielem anderen – Sozialdemokrat. Davon soll hier die Rede sein. Über weit mehr als zwei Jahrzehnte nahm er in der SPD Hamburg-Nord als Distriktsvorsitzender in Mühlenkamp und Eppendorf, als Mitglied im Kreisvorstand, als Kreiskassierer, als Delegierter wichtige Funktionen wahr, ohne dem Klischee des Parteifunktionärs auch nur nahe zu kommen.
Er war ein politischer Intellektueller, der sich mit seiner markanten Stimme niemals laut, aber dennoch unüberhörbar, scharf und präzise artikulieren konnte. Nicht die lange Rede, sondern die abschließende und entscheidende Wortmeldung war seine Sache.
Der Jurist blieb nicht nur immer erkennbar, sondern Andreas brachte seine beruflichen Fähigkeiten mit Nachdruck ein. Dass er sich nie für ein parlamentarisches Mandat interessierte, erleichterte ihm die Gestaltung der konfliktbeladenen Generationswechsel Anfang der Siebziger bis tief in die achtziger Jahre. Zwei unspektakuläre Episoden aus dieser bewegten Zeit aus dem Distrikt Mühlenkamp kann ich aus eigenem Erleben beitragen:
Irgendwann im Frühjahr 1972 kam ich mit meinem Beitrittswunsch in die Versammlung des Distrikts Mühlenkamp. Das muss entweder im Hinterzimmer der Gaststätte Meyer, Geibelstr. 57, oder in der Jagdhütte, Ecke Barmbeker und Semperstraße, gewesen sein. Üblicherweise war es damals voll und total verraucht. Den Vorsitz führte Andreas. Er gab mir kurz das Wort mich vorzustellen. 16 Jahre, Oberschule in Barmbek, mein Held war Willy Brandt, mehr gab es nicht zu sagen. Die schulterlangen Haare und das übrige Äußere sprachen für sich. Zu meiner Überraschung gab es nun keine enthusiastische Begrüßung, sondern von Andreas nur den knappen Hinweis, dass man in die
SPD nicht eintreten könne, sondern von der Versammlung aufgenommen würde. Dazu müsse man sich bewähren und deshalb wurde ich dem Organisationsleiter, Egon von Mach, zur Unterstützung anempfohlen, der mich sogleich seiner „Eingreifreserve“ zuordnete.
Die kühle Begrüßung war pure Politik. Denn Andreas hatte den latenten Unmut der „Alten“ aufzufangen, die der Ansturm der Jugend, namentlich der Studenten aus dem Paul-Sudek-Heim, durchaus beunruhigte. Und er hatte dem Neuling en passent einen akzeptablen sozialen Platz zugewiesen, was man heute Integration nennt. Zudem war es eine kurze Lektion im Satzungsrecht.
Erst später bekam ich mit, dass Andreas kurz zuvor am 16. Februar 1972 mit 57 von 63 Stimmen zum Vorsitzenden gewählt worden war. Das klingt sehr harmonisch, aber um seine Stellvertretung hatte es eine Schlacht zwischen Jung und Alt, zwischen Links und Rechts gegeben, die der Germanistikstudent Dieter Thiele mit 32 gegen 29 Stimmen für sich entscheiden konnte. Verlierer war Klaus Kröger, mit dem zusammen Andreas wenige Monate zuvor ein halbes Dutzend steuerpolitische Anträge entwickelt hatte, die im August 19711 den Distrikt zur Vorbereitung eines steuerpolitischen Landesparteitags beschäftigt hatten. Darunter übrigens ein Antrag zur Reform der Erbschaftsteuer, der unter Ziff. 3 verfügte: „Der Erbschaftsteuertarif ist von 2% bis 80% zu staffeln.“ Heute stünde Andreas damit außerhalb des Bezirks der demokratischen Parteien.
Jedenfalls gelang es Andreas mit viel Geschick und dem ihm eigenen Humor, den Distrikt weiter für die Jüngeren zu öffnen und gleichwohl alle solidarisch beieinander zu halten. Seine beiden Amtsjahre 1972 bis 19742 wurden – der aufregenden Zeit angemessen – zum unübertroffenen Höhepunkt der Mühlenkamper Distriktsgeschichte. Es war eine Explosion der Ideen und der Aktivität, auch der Erwartungen und der Emotionen.
Daraus die zweite Episode: Ab Januar 1973 gab es auch einen kommunalen Arbeitskreis im Distrikt, der von Ursel Preuß, Ingrid Freyer, Dieter Thiele, Andreas Ruppert, Erhard Schäfer, Bodo Lewien und Egon von Mach getragen wurde. Im März 1973 hatte der Arbeitskreis den Mietrechtsexperten und Richter am Landgericht, Genossen Prof. Dr. Friedemann Sternel – er wohnte damals in der Blumenstraße – zu sich gebeten. Denn ab 1974 stand die schrittweise Aufhebung der Mietpreisbegrenzung für Altbauten bevor, Hamburg wurde „Weißer Kreis“ und 1975 sollte das neue Wohnraumkündigungsschutzgesetz in Kraft treten.
Der Arbeitskreis schritt zügig zur Tat: Zum Jahresbeginn 1975 wurde nicht nur der neue, eigene Versammlungsraum in der Peter-Marquard-Straße eröffnet, sondern auch die neue Stadtteilzeitung auf die Beine gestellt, mit der ab sofort für die neuartige Mieterberatung jeden Mittwoch von 19-20 Uhr geworben wurde. Vor allem drei junge, bereits renommierte Spitzenjuristen trugen das ehrenamtliche Unternehmen: Andreas Ruppert, Michael Nesselhauf und später Fried Rüping. Dank ihres Einsatzes wurde die Mieterberatung in Mühlenkamp zu einem legendären Erfolg. Vom Distrikt verlangten die Anwälte, den Einzelfällen so nachzugehen, dass jeweils ganze Hausgemeinschaften vertreten werden konnten.
So wurde daraus ein soziales und politisches Ereignis, eine Erfahrung von Solidarität und der Kraft des Rechts. Praktische Parteiarbeit ganz nach Andreas‘ Geschmack. Aber es war natürlich auch ein fachliches und rechtspolitisches Anliegen, zu einer neuen Gesetzesmaterie eine fortschrittliche Urteilspraxis herbeizuführen, die die Wohnung nicht nur als Wirtschaftsgut, sondern als Sozialgut würdigt. Die Mieterberatung wurde über Jahrzehnte zur festen Einrichtung und wurde zuletzt von Dagmar Wiedemann fortgesetzt. Obwohl Andreas 1974 nach Eppendorf gewechselt war, blieb er noch viele Jahre in der Mieterberatung aktiv.
Auch im Distrikt Eppendorf wartete auf Andreas die Organisation eines allerdings recht heiklen Übergangs, nämlich von Fiete Detlefs in die Gegenwart. Aus der Erfahrung der Illegalität und der Verfolgung hatte Fiete mancherlei konspirative Technik beibehalten, die - höflich gesagt – schon länger nicht mehr zeitgemäß war. Andreas übernahm ab 1980 den Distriktsvorsitz in Eppendorf und sorgte für einen Übergang in geordnete Verhältnisse. Später fiel ihm auch das Amt des Kreiskassierers zu, wobei die rechtliche Betriebssicherheit in einer Mitgliederorganisation, die ihre Kassen noch in Zigarrenkisten pflegte, durchaus eine Herausforderung war. Aber mit Andreas Ruppert im Hintergrund konnten die prominenten Protagonisten des Kreises, Ortwin Runde, Helgrit Fischer-Menzel, Jan Ehlers, Hermann Scheunemann, Ursel Preuß und etliche andere ruhig ihre Bahn ziehen. Sein kluger Rat wurde selten überhört.
Lieber Andreas, wenn ich dereinst vor die Pforte des Parteihimmels zu treten habe, dann - so hoffe ich – wirst Du mich mit Deinem freundlichen Lächeln empfangen. Allerdings wirst Du mich wohl für eine Zeit der Bewährung in den Keller schicken, um Luzifer bei der Pflege des Feuers unter dem Großen Kessel zu unterstützen. Das nehme ich gerne auf mich, denn Du wirst wissen, wer alles im Kessel zu schmoren hat.
Lieber Andreas, wir danken Dir und vergessen Dich nicht.




